Grundregeln für die Übereinstimmung mit sich selbst
Das Kind unterscheidet sich vom Erwachsenen dadurch, dass es Liebe braucht, ein Erwachsener aber nicht. Liebe ist eine tätige Zuwendung, die das Wohl des Geliebten sicherstellt. Da ein Kind sein Wohl nicht selbständig sicherstellen kann, ist es auf Beschützer angewiesen, die seine Bedürfnisse erkennen und geeignete Mittel bereitstellen, sie zu erfüllen. Ein Erwachsener kann auf solche Beschützer verzichten. Ein Erwachsener erkennt seine Bedürfnisse selbst. Er hat sowohl die Kraft als auch den Mut, sie zu vertreten. Hat er den Mut nicht, wird er sich selbst nicht gerecht.
Warum passt ein Beschützer zum Kind, aber nicht zum Erwachsenen?
Wer sich auf Beschützer verlässt, lässt Beschützer über sich entscheiden. Der Dank, den er den Beschützern dafür schuldet, engt seine Handlungsfreiheit weiter ein. Beim Kind ist der Impuls zur Autonomie noch nicht so ausgeprägt, als dass es seinem Wesen widerspräche, Entscheidungen anderen zu überlassen. Je älter man aber wird, desto unpassender wird es, sich an anderen zu orientieren. Tut man es doch, braucht man eine Menge merkwürdiger Manöver, um die eigene Kindlichkeit zu ummänteln und den Impuls zur Selbständigkeit daran zu hindern, die Unterordnung unter den Beschützer zu stören.
Sie haben genug damit zu tun, Ihre eigenen Beziehungen sinnvoll zu gestalten. Muten Sie sich nicht auch noch die Probleme anderer zu. Überprüfen Sie gut, wann es wirklich sinnvoll ist, sich in die Beziehungen anderer einzumischen. Es mag verführerisch sein, bei Konflikten anderer Partei zu ergreifen oder sich als Vermittler zu betätigen. Oft ist der Versuch aber schädlich. Gehen Sie zunächst davon aus, dass jeder halbwegs Erwachsene grundsätzlich in der Lage ist, im Streit mit anderen für sich selbst zu stehen.
Ausnahme
Wenn erkennbar ist, dass einer dem anderen völlig unterlegen ist und ihm daraus ein schwerer Schaden droht, ist Einmischung natürlich das Gebot der Stunde. Warum? Weil Neutralität dann gegen Regel Nummer 3 verstößt.
Andere zu verachten ist eine Ursünde gegen das eigene Wesen. Wenn irgendeinem Faktum überhaupt ein unabhängiger
Wert zugeschrieben werden kann, dann der
Subjektivität des Individuums, die allen Individuen gemeinsam ist. Wertet man daher einen anderen ab, vielleicht aus Ärger, weil er stört oder um sich selbst zu erhöhen, so praktiziert man damit Selbstabwertung; denn jeder andere ist das Selbst des Einen. Schulen Sie darin beharrlich Ihren Verstand: Jeder, auch wenn er Ihnen auf den ersten Blick wertlos erscheint, ist Ihnen in mindestens einer Sache überlegen. Werten Sie ihn nicht ab! Lernen Sie von ihm!
Kontrapunkt
Auch wenn Sie das Seinsrecht eines jeden als unantastbar achten sollten, bezieht sich das keinesfalls auf alles, was jeder gerade mal so denkt und tut. Dass der Wert des Einzelnen nicht anzutasten ist, heißt nicht, dass man seine Ideen und Taten kritiklos hinzunehmen hätte. Unterscheiden Sie zwischen Tat und Täter.
Selten läuft das Leben so, wie man es sich idealerweise wünscht. Meist ist es durchwachsen und oft scheint es gar, als hätten sich die Dinge gegen Sie verschworen. Das führt schnell dazu, dass man sich dem
Schicksal verweigert. Doch unterscheiden Sie: Zweifellos gibt es Menschen, die sich Ihnen gegenüber feindselig verhalten, ob Ihr Schicksal es ebenfalls tut, ist aber durch nichts bewiesen. Gehen Sie daher zunächst immer davon aus, dass in jeder Widrigkeit, die es Ihnen vor die Füße wirft, eine Chance steckt, die Ihnen ein Schicksal ohne Widrigkeit nicht böte; zumindest, solange das Schicksal Sie nicht umbringt. Denn: Wer nicht davon ausgeht, dass sich Chancen bieten, kann sie auch nicht sehen.
Also
Wenn Sie ein Rückschlag trifft, prüfen Sie, wie Sie ihn zu Ihrem Vorteil nutzen können.
Je weniger man auf den Erfolg selbständigen Handelns vertraut, desto abhängiger glaubt man sich vom Beistand anderer. Machen die dann aber nicht, was man im eigenen Interesse für richtig hält, versucht man oft, ihr Verhalten durch unmittelbare Einwirkung zu ändern. Das ist meist ein Fehler; denn jeder Mensch ist vom Impuls gesteuert, autonom über sich selbst zu bestimmen. Versucht ein anderer von außen, ihm dieses Recht streitig zu machen, erzeugt er damit Widerstand. Doch, Doch! Auch wenn sich jemand die Einmischung vordergründig gefallen lässt und auch wenn er selbst nichts davon bemerkt, über kurz oder lang entwickelt sich in ihm eine Kraft, die sich gegen denjenigen richtet, der von außen bestimmen will. Ungestraft über andere bestimmen kann nur der, der die Macht hat, sich der "Rache seiner Opfer" zu entziehen.
Spielregeln
Beim Schach kommt kein Spieler auf die Idee, dem anderen vorzuschreiben, welchen Zug er machen soll; solange er sich an die Regeln hält. Statt dessen passt er sich dem Zug des anderen möglichst wirksam an. Machen Sie es im Leben ähnlich, und bedenken Sie: Im Gegensatz zu den paar Zügen beim Schach, ist im Leben viel mehr erlaubt. Man muss "nur" die Konsequenzen tragen.
Ein Bedürfnis ist ein Handlungsbedarf, der notwendig ist, um eine Übereinstimmung mit sich selbst herbeizuführen. Das Leben ist kompliziert. Es gibt daher viele Gründe, einen solchen Handlungsbedarf nicht ernst zu nehmen:
- Die anderen könnten Ihnen böse sein, wenn Sie im eigenen Interesse handeln.
- Was zu tun ist, um sich wohlzufühlen, tut man einfach nicht.
- Wer weiß, welche Folgen es nach sich zieht, wenn man tut, was man tun müsste?
- Eigentlich ist das, was ich will, nicht so wichtig.
Um diese Argumente zu entkräften, gilt es, sich sein eigentliches Bedürfnis ins Gedächtnis zu rufen.
Wohlgemerkt
Dass man sein Bedürfnis nicht aus den Augen verliert, heißt nicht, dass es sofort erfüllt werden müsste. Zum Erfolg gehört nicht nur, dass man sein Bedürfnis kennt. Es gehört vor allem auch dazu, dass man auf den geeigneten Zeitpunkt warten kann.
Der richtige Abstand zu einem anderen ist immer der, von dem aus Sie mit ihm wertschätzend und respektvoll umgehen können. Gelingt Ihnen das nicht, sind Sie wahrscheinlich zu nah dran. Meist ist man zu nah dran, weil man zuviel
erwartet. Wenn man mehr will, als der andere gibt, ist die Gefahr groß, dass man seinen Ärger an ihm auslässt. Meist gibt er dann noch weniger. Wenn Sie glauben, das Problem sei, dass der andere zu wenig gibt, machen sie sich abhängig. Wenn Sie das Problem darin sehen, dass Sie zuviel wollen, haben Sie einen Schritt in die Freiheit getan.