Das Kind braucht Zugehörigkeit und dann erst Selbstbestimmung. Beim Erwachsenen ist es umgekehrt.
Die kindliche Psyche reagiert auf Ausgrenzung mit Angst, die erwachsene auf Bevormundung mit Wut.
Je unreifer ein Erwachsener ist, desto eher wird er Bevormundung akzeptieren. Die Wut, die daraus entsteht, lässt er offen oder verdeckt an der Gemeinschaft aus.
Wer nach der Anerkennung sucht, die er als Kind nicht bekam, ist kein freier Mensch.
Psychologischer Grundkonflikt
Die meisten psychiatrischen Erkrankungen hängen mit dem psychologischen Grundkonflikt zusammen. Er verursacht sie oder gestaltet sie aus. Dieser Konflikt heißt Abhängigkeits-Autonomie-Konflikt oder besser
Zugehörigkeits-Autonomie-Konflikt. Die Ursache des Konflikts liegt in den Existenzbedingungen des Lebens selbst. Er ist unvermeidbar. Leben ist wachsende Selbständigkeit verbündeter Strukturen gegenüber dem Umfeld, in das sie eingebettet sind. Das Ziel des Lebens ist Selbstbestimmung, seine innere Struktur Zugehörigkeit. Leben setzt einfache Elemente gemäß passender Zugehörigkeit zu Strukturen entbundener Selbständigkeit zusammen. Gleichzeitig versucht es, den Kontakt zum Kontext, aus dem heraus es entsteht, zu erhalten. Oft widersprechen sich beide Impulse.
In der Psychologie zeigt sich der Konflikt vor allem dann, wenn das
Individuum etwas will, was den Erwartungen anderer widerspricht.
Dann muss es entscheiden:
Bestimme ich über mich selbst oder gehöre ich dazu? Was ist für mich wichtiger?
Je mehr ein Individuum glaubt, auf die Zustimmung des Umfelds angewiesen
zu sein, desto öfter wird es auf Selbstbestimmung verzichten. Wenn es sich dabei irrt, widerspricht es dem Leben in sich selbst.
Resultat sind seelische
Spannungen, die sich in zahlreichen Symptomen bemerkbar machen:
Im Laufe einer gesunden
psychologischen Entwicklung verschiebt sich der Schwerpunkt im Grundkonflikt weg von der Zugehörigkeit hin zur Autonomie. Der Erfolg dieser Entwicklung wird durch zwei soziale Muster bedroht.
- Erleben Kinder Desinteresse vonseiten ihrer Eltern und Ausgrenzung durch Altersgenossen, reagieren sie mit Angst. Instinktiv unterdrücken sie autonome Impulse, weil sie Selbstbestimmung als Gefährdung ihrer brüchigen Zugehörigkeit empfinden. Der Wunsch, geliebt zu werden, bleibt übermächtig.
- Reagieren Eltern strafend auf zunehmend autonome Entscheidungen ihrer Kinder, weil sie sich aus eigenen Verlustängsten heraus vor deren Selbständigkeit fürchten, passiert ähnliches. Das Kind erlebt die Bestrafung seiner Autonomiebestrebungen als Liebesentzug und damit als Bedrohung seiner Zugehörigkeit. Auch hier besteht die Gefahr, dass es aus Angst darauf verzichtet, erwachsen zu werden.